22/05/2026
So wahr 😮💨
Sehr geehrter, Herr Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder,
es sollte reichen mit diesen einfachen Parolen. Es sollte reichen mit diesem reflexartigen: „Der Führerschein ist zu teuer.“ Und es sollte reichen mit politischen Schnellschüssen auf dem Rücken eines Berufsstandes, der täglich Verantwortung für Menschenleben trägt.
Eine Fahrausbildung ist kein Sommerschlussverkauf. Kein Netflix-Abo. Kein Produkt, das man billiger macht, indem man einfach ein bisschen Qualität herausnimmt.
Sie ist die Grundlage dafür, dass junge Menschen später 1,5 bis 2 Tonnen Stahl sicher durch den Straßenverkehr bewegen können – bei Regen, Dunkelheit, Schnee, Zeitdruck, auf vollen Autobahnen und in Situationen, in denen Sekunden über Leben und Tod entscheiden.
Wo genau soll gespart werden?
An Fahrstunden? An moderner Sicherheitstechnik? An pädagogischer Ausbildung? An praktischer Erfahrung? An professionellen Fahrlehrern?
Denn eines ist Fakt: Billiger bedeutet immer weniger von etwas. Und im Straßenverkehr bedeutet weniger oft mehr Risiko und mehr Tode.
Die Realität auf unseren Straßen ist brutal. Die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen gehört seit Jahren zu den Hochrisikogruppen im Straßenverkehr. Überhöhte Geschwindigkeit. Ablenkung. Fehleinschätzungen. Mangelnde Routine. Die ersten Fahrjahre sind statistisch die gefährlichsten.
Das sind keine Vorwürfe. Das sind Fakten.
Und genau deshalb braucht es intensive Ausbildung. Wiederholung. Geduld. Praxis. Erfahrene Fahrlehrer. Zeit.
Jede sauber vermittelte Gefahrenbremsung kann Leben retten. Jeder korrekt trainierte Schulterblick verhindert vielleicht den einen tödlichen Fehler. Jede Fahrstunde schafft Routine dort, wo später Sekunden entscheiden.
Und trotzdem wird so getan, als sei gute Ausbildung ein Luxusproblem. Dabei sprechen wir im Durchschnitt über rund 3.200 Euro für einen Führerschein. Klingt viel. Aber verteilt auf durchschnittlich 63 Jahre Mobilität bleiben am Ende etwa 50 Euro pro Jahr. 50 Euro. Für lebenslange Mobilität. Für berufliche Chancen. Für Unabhängigkeit. Für Sicherheit. 50 Euro jährlich.
Wir geben selbstverständlich 1.000 Euro für Smartphones aus. Zahlen über Jahrzehnte Streaming-Abos. Kaufen täglich Coffee-to-go. Finanzieren Fitnessstudios, Urlaubsreisen und Konsum. Den Sportauspuff…
Aber ausgerechnet bei der Fahrausbildung beginnt plötzlich die gesellschaftliche Diskussion darüber, ob Sicherheit „zu teuer“ sei.
Dabei ignoriert diese Debatte auch völlig die wirtschaftliche Realität für die Fahrschulen:
Die Fahrzeugkosten sind massiv gestiegen. Die Personalkosten ebenso. Der Preisindex im Verkehrsbereich steigt kontinuierlich. Der Straßenverkehr wird dichter, aggressiver und komplexer. Smartphones am Steuer. Zeitdruck. Aggression. Ablenkung. Assistenzsysteme. E-Mobilität.
Vor 25 Jahren benötigten Fahrschüler durchschnittlich etwa 20 Fahrstunden. Heute sind es häufig 35 bis 45 – mit steigender Tendenz. Nicht, weil Fahrschulen „abkassieren“. Sondern weil die Realität anspruchsvoller geworden ist. Die Ausbildung ist nicht unnötig teurer geworden. Sie ist notwendiger geworden. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem: Viele Menschen verstehen nicht mehr, worum es beim Führerschein wirklich geht: Es geht nicht nur um Kupplung, Schulterblick und Verkehrsregeln. Es geht um Verantwortung. Um Selbstständigkeit. Um Reife. Um Entscheidungen unter Druck.
Für viele junge Menschen ist der Führerschein die erste echte Bewährungsprobe ihres Lebens. Plötzlich sollen sie Verantwortung übernehmen. Kritik annehmen. Fehler erkennen. Selbstständig handeln. Innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen.
Doch viele haben genau das nie wirklich gelernt. Ein Schulsystem, das oft stärker auf Auswendiglernen setzt als auf Verstehen. Ein Alltag voller Ablenkung. Elternhäuser zwischen Überforderung und Überbehütung. Eine Generation, die häufig Angst vor Fehlern entwickelt hat, weil Fehler sofort als persönliches Versagen empfunden werden.
Und dann sitzt dieser junge Mensch plötzlich hinter dem Steuer. Soll Gefahren erkennen. Vorausschauend handeln. Richtig reagieren.
Viele Fahrlehrer erleben täglich nicht nur fahrerische Unsicherheit – sondern emotionale Überforderung. Kritik wird oft sofort als Angriff verstanden. Nicht aus Respektlosigkeit, sondern aus Angst zu versagen. Weil Selbstzweifel längst vorhanden sind. Genau deshalb ist Fahrausbildung heute weit mehr als Technikvermittlung. Fahrlehrer vermitteln nicht nur Verkehrsregeln. Sie vermitteln Verantwortung. Selbstvertrauen. Struktur. Ruhe. Sicherheit. Sie greifen ein, bevor aus einem Fehler eine Tragödie wird.
Und trotzdem wird ernsthaft darüber diskutiert, Ausbildung weiter zu vereinfachen und sogenannte „Laienausbildung“ auszubauen. Doch gute Fahrer sind nicht automatisch gute Ausbilder. Wer Bildschirmzeiten verhandelt oder Diskussionen über Hausaufgaben führt, ist noch lange kein Verkehrspädagoge. Eine emotionale Eltern-Kind-Dynamik ersetzt keine professionelle Ausbildung. Im Gegenteil: Sie erzeugt oft zusätzlichen Druck, Unsicherheit und Konflikte.
Professionelle Fahrlehrer verfügen über pädagogische Ausbildung, psychologisches Verständnis, methodische Kompetenz und Erfahrung in Gefahrensituationen. Das ist kein bürokratischer Luxus. Das ist ein Schutzfaktor.
Und dann wird ernsthaft über verkürzte Prüfungen diskutiert. 30 Minuten sollen ausreichen, um festzustellen, ob ein Mensch sicher am Straßenverkehr teilnehmen kann? Der Straßenverkehr funktioniert nicht nach dem Prinzip: „Wird schon irgendwie gutgehen.“ Ein Prüfer muss überzeugt sein. Nicht von politischen Reformpapieren. Nicht von wohlklingenden Konzepten. Sondern vom tatsächlichen Können des Prüflings. Können entsteht nicht durch politische Vorgaben. Nicht durch Symbolpolitik. Nicht durch Absenkung von Standards.
Können entsteht durch Übung. Durch Wiederholung. Durch Erfahrung. Durch ernsthafte Ausbildung.
Wer Standards absenkt, produziert keine bessere Mobilität. Er produziert Unsicherheit.
Und am Ende bleibt eine Frage, die viel schwerer wiegt als jede Kostenrechnung:
Was kostet ein Menschenleben?
Was kostet ein gelähmter 19-Jähriger?
Was kostet es Eltern, ihr Kind zu verlieren?
Was kostet lebenslange Schuld nach einem vermeidbaren Unfall?
Ein schwerer Verkehrsunfall kostet schnell Hunderttausende Euro. Schwere Personenschäden gehen in die Millionen. Doch Geld ist dabei nicht das Entscheidende. Entscheidend sind die zerstörten Familien. Die leeren Kinderzimmer. Die Telefonanrufe mitten in der Nacht. Die Leben, die nie wieder normal werden.
Genau deshalb ist eine hochwertige Fahrausbildung keine Belastung für die Gesellschaft.
Sie ist Prävention.
Sie ist Verantwortung.
Sie ist Schutz.
Sie ist Investition in Menschenleben.
Natürlich gibt es Reformbedarf. Aber sinnvoll und verantwortungsvoll. Diskutieren sollte man zum Beispiel über:
• Die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf die Fahrausbildung - Fahrausbildung ist Bildung und dient unmittelbar der Verkehrssicherheit.
• Modernere und verständlichere Theoriefragen Ziel muss Verständnis sein, nicht reines Auswendiglernen.
• Mehr Verkehrsübungsplätze und geschützte Lernräume - Sicherheit entsteht durch kontrolliertes Üben.
• Prüfungszulassung nur bei tatsächlicher Prüfungsreife - Qualität vor Geschwindigkeit.
• Stärkung des Präsenzunterrichts - Verkehrserziehung lebt von Interaktion und Diskussion.
• Klare Absage an Laienausbildung auf der Straße - Fahrausbildung gehört in professionelle Hände.
Darüber kann und sollte diskutiert werden. Aber nicht über die Absenkung von Qualität. Denn Verkehrssicherheit entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis von Kompetenz, Erfahrung, klaren Standards und verantwortungsvoller Ausbildung.
Wer ernsthaft glaubt, man könne Fahrkompetenz einfach per Verordnung billiger machen, hat die Realität auf unseren Straßen nicht verstanden. Am Ende geht es nicht um Bürokratie. Nicht um Ideologie. Nicht um Schlagzeilen. Die Frage lautet deshalb nicht:
„Wie machen wir den Führerschein möglichst billig?“
Sondern:
„Wie sorgen wir dafür, dass Menschen sicher nach Hause kommen?“
Eine hochwertige Fahrausbildung ist keine Belastung für die Gesellschaft.
Sie ist Prävention.
Sie ist Verantwortung.
Sie ist Investition in Sicherheit.
Wer die Fahrausbildung billigredet, redet Sicherheit billig. Und das darf niemals unwidersprochen bleiben!
Sehr geehrter Herr Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder,
hiermit lade ich Sie herzlich ein, einmal an einer Fahrstunde teilzunehmen und gern auch am Theorieunterricht.
Vielleicht hilft Ihnen dieser direkte Einblick dabei, das komplexe und wichtige Thema Verkehrssicherheit sowie die verantwortungsvolle Ausbildung von Fahrschülerinnen und Fahrschülern mit all ihren täglichen Herausforderungen noch besser zu verstehen. Gerade im Fahrschulalltag zeigt sich, wie viel Verantwortung Fahrlehrer tragen und wie wichtig eine gute Ausbildung für die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer ist.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sich die Zeit für einen persönlichen Eindruck aus der Praxis nehmen würden.
Mit freundlichen Grüßen
Matthias Eisloewe
Fahrlehrer aus Sachsen