27/06/2026
Heute gibt es keinen kurzen Facebook-Beitrag.
Der Text, den ich heute Morgen in meinem WhatsApp-Kanal veröffentlicht habe, ist mir zu wichtig, um ihn zu kürzen. Deshalb teile ich ihn heute bewusst auch hier vollständig.
Ich wünsche mir, dass er zum Nachdenken anregt – unabhängig davon, ob man meiner Meinung zustimmt oder nicht.
————————
Ein guter Hundeführer sagt manchmal Nein
Manchmal denke ich, ich hätte inzwischen wirklich alles gehört. Und dann gibt es Aussagen, die mich fassungslos machen.
Aktuell liegen die Temperaturen bei uns weit über 30 °C. Genau in dieser Situation lese ich in den sozialen Medien, dass Hundeführer Einsätze nach vermissten Personen bei solchen Bedingungen nicht ablehnen sollten. Begründet wird das damit, dass der Einsatz immer über dem Einsatzmittel Hund stehen müsse – selbst dann, wenn dadurch die Gesundheit des Hundes gefährdet wird.
Ich habe diesen Beitrag mehrmals gelesen. Beim ersten Mal war ich fassungslos. Beim zweiten Mal sprachlos. Und je länger ich darüber nachgedacht habe, desto wütender wurde ich. Nicht, weil jemand eine andere Meinung vertritt. Unterschiedliche Meinungen gehören zu jeder fachlichen Diskussion. Wütend macht mich, wenn aus einer solchen Aussage eine Haltung wird, die suggeriert, ein verantwortungsvoller Hundeführer müsse seinen Hund unabhängig von den Bedingungen einsetzen. Denn genau hier wird etwas Grundlegendes missverstanden.
Ja, ich suche seit mehr als zwanzig Jahren nach vermissten Menschen. Ich weiß, was solche Einsätze bedeuten. Ich kenne die Hoffnung der Angehörigen, den Druck der Situation und den Wunsch, jede verfügbare Möglichkeit auszuschöpfen. Genau deshalb nehme ich dieses Thema so ernst.
Meine Hunde sind meine Einsatzpartner. Ohne sie könnte ich keinen einzigen Einsatz laufen. Aber sie sind für mich nicht einfach ein Einsatzmittel. Sie sind Lebewesen. Sie sind Familienmitglieder. Ich habe die Verantwortung für sie übernommen, und diese Verantwortung endet nicht in dem Moment, in dem der Melder geht oder eine Alarmierung eingeht. Im Gegenteil: Gerade dann muss ich Entscheidungen treffen, die ihren Schutz gewährleisten.
Ich würde niemals bewusst eine Situation wählen, in der ich das Leben oder die Gesundheit meines Hundes gefährde. Kein Einsatz rechtfertigt das. Kein vermisstes Kind, kein Zeitdruck und kein noch so verständlicher Wunsch zu helfen ändern etwas an dieser Verantwortung. Wer einen Hund führt, entscheidet nicht nur darüber, wann er arbeitet, sondern auch darüber, wann er nicht arbeiten darf.
Interessanterweise würde niemand dieselbe Forderung an andere Einsatzmittel stellen. Niemand käme auf die Idee, einem Hubschrauberpiloten vorzuwerfen, dass er bei dichtem Nebel nicht startet. Niemand würde verlangen, dass eine Feuerwehr ohne Atemschutz in ein brennendes Gebäude geht oder dass Einsatzkräfte trotz akuter Lawinengefahr einen Hang betreten. Jeder akzeptiert, dass es Situationen gibt, in denen das Risiko größer ist als der mögliche Nutzen. Dass ausgerechnet beim Hund häufig anders argumentiert wird, zeigt, wie selbstverständlich manche Menschen offenbar davon ausgehen, dass ein Tier seine Belastungsgrenzen einfach hinnehmen müsse.
Dabei kennen wir diese Belastungsgrenzen sehr genau. Hunde können überschüssige Körperwärme nur in sehr begrenztem Maß abgeben. Anders als Menschen verfügen sie nur über wenige ekkrine Schweißdrüsen an den Pfotenballen, deren Beitrag zur Thermoregulation jedoch gering ist. Die eigentliche Kühlung erfolgt über das Hecheln. Steigen Umgebungstemperatur, Luftfeuchtigkeit und körperliche Belastung gleichzeitig an, gerät dieses Kühlsystem an seine Grenzen. Die Körpertemperatur steigt, der Kreislauf wird belastet und das Risiko für einen Hitzschlag nimmt deutlich zu. Ein Hitzschlag ist dabei keine harmlose Überhitzung, sondern ein lebensbedrohlicher Notfall, bei dem innerhalb kurzer Zeit mehrere Organsysteme geschädigt werden können. Darmbarriere, Blutgerinnung, Gehirn, Leber und Nieren können versagen. Selbst Hunde, die überleben, tragen nicht selten bleibende Schäden davon.
Hinzu kommt ein Aspekt, der häufig unterschätzt wird. Hunde bewegen sich bei einer Personensuche nicht nur durch warme Luft, sondern über oftmals extrem aufgeheizte Untergründe. Asphalt, Beton oder Pflaster können in der Sonne Temperaturen erreichen, die weit über der eigentlichen Lufttemperatur liegen. Der Hund arbeitet dabei nicht in zwei Metern Höhe wie wir Menschen, sondern mit seiner Nase nur wenige Zentimeter über dem Boden – genau dort, wo sich die heißeste Luftschicht befindet und der aufgeheizte Untergrund zusätzlich Wärme abstrahlt. Die Pfotenballen eines Hundes sind zwar robust, enthalten aber zahlreiche Tast-, Wärme- und Schmerzrezeptoren. Sie sind deshalb keineswegs unempfindlich gegenüber Hitze. Wer einen Hund bei extremen Temperaturen arbeiten lässt, belastet ihn somit gleich mehrfach: durch die hohe Umgebungstemperatur, die körperliche Anstrengung, die eingeschränkte Wärmeabgabe und den direkten Kontakt mit aufgeheizten Untergründen.
Und es kommt ein weiterer Aspekt hinzu, der in dieser Diskussion erstaunlich selten angesprochen wird. Extreme Hitze belastet nicht nur den Hund, sondern verändert auch die Geruchsbedingungen selbst. Der Individualgeruch eines Menschen besteht nicht aus einem einzelnen Duftstoff, sondern aus einem komplexen Gemisch aus Hautzellen, Hautsekreten, Stoffwechselprodukten und den flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs), die unter anderem durch das Hautmikrobiom entstehen. Sowohl die Stoffwechselaktivität dieser Mikroorganismen als auch die Freisetzung und Verteilung geruchsrelevanter Moleküle werden durch hohe Temperaturen beeinflusst. Gleichzeitig beschleunigen Sonneneinstrahlung, UV-Strahlung, Verdunstung und Thermik die Veränderung und räumliche Verlagerung dieser Geruchsstoffe. Hinzu kommen trockene Böden, auf denen Geruchsmoleküle häufig schlechter gebunden werden und sich anders ausbreiten als unter günstigeren Bedingungen.
Das bedeutet nicht, dass eine Suche bei hohen Temperaturen grundsätzlich unmöglich ist. Hunde folgen keinem einzelnen Molekül, sondern einem komplexen Geruchsbild, das auch unter schwierigen Bedingungen noch vorhanden sein kann. Wissenschaftlich lässt sich jedoch sehr gut begründen, dass extreme Hitze die olfaktorischen Bedingungen deutlich verschlechtert und damit die Anforderungen an den Hund erheblich erhöht. Ausgerechnet dann, wenn die Geruchsbedingungen schwieriger werden, arbeitet gleichzeitig auch der Hund selbst unter maximalem Hitzestress.
Hinzu kommt, dass ein Hund unter Hitzestress nicht plötzlich besser arbeitet, weil der Einsatz besonders wichtig ist. Mit steigender Körpertemperatur nehmen Konzentration, Ausdauer und körperliche Leistungsfähigkeit nachweislich ab. Das bedeutet nicht nur ein höheres Risiko für den Hund selbst, sondern möglicherweise auch eine geringere Qualität der Suche. Wenn die Geruchsbedingungen gleichzeitig schlechter werden und der Hund körperlich an seine Grenzen kommt, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob unter solchen Bedingungen überhaupt noch die bestmögliche Suchleistung erbracht werden kann.
Es ist deshalb ein Irrtum zu glauben, dass mehr Risiko automatisch mehr Hilfe bedeutet. Wenn die Leistungsfähigkeit des Hundes sinkt und gleichzeitig die Geruchsbedingungen schlechter werden, steigt nicht zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit, einen vermissten Menschen zu finden. Es steigt vor allem das Risiko, den Hund gesundheitlich zu gefährden. Tierschutz und Sucherfolg stehen hier nicht im Widerspruch – sie führen vielmehr zur gleichen Schlussfolgerung.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass in solchen Diskussionen vergessen wird, worum es im Tierschutz eigentlich geht. Es geht nicht erst darum einzugreifen, wenn ein Hund zusammenbricht. Es geht darum, Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen, in denen ein vorhersehbares Risiko bewusst in Kauf genommen wird. Verantwortung beginnt nicht beim Notfall, sondern lange davor.
Für mich bedeutet verantwortungsvolles Arbeiten deshalb auch, einen Einsatz abzulehnen, wenn die Bedingungen ein nicht vertretbares Risiko für meinen Hund darstellen. Das hat nichts mit mangelnder Einsatzbereitschaft zu tun. Es bedeutet vielmehr, die Verantwortung ernst zu nehmen, die ich meinem Hund gegenüber habe. Denn am Ende ist er kein austauschbares Einsatzmittel, sondern ein Lebewesen, das mir sein Vertrauen schenkt. Dieses Vertrauen verpflichtet mich dazu, seine Gesundheit höher zu bewerten als den Wunsch, unter allen Umständen helfen zu wollen.
Während ich diesen Text schreibe, läuft gerade unsere Mantrailing-Intensivwoche. Wahrscheinlich haben sich viele Teilnehmer diese Woche anders vorgestellt. Auch wir. Niemand steht freiwillig um drei Uhr morgens auf, um zu trainieren.
Trotzdem beginnen unsere Trainingstage derzeit zwischen 3:00 und 4:00 Uhr. Nicht, weil es besonders spektakulär ist. Sondern weil wir unsere Hunde arbeiten lassen möchten, ohne sie unnötig der Hitze auszusetzen. Unser Ziel ist es, mit dem Training fertig zu sein, bevor die Temperaturen kritisch werden. Wir möchten trainieren – aber wir möchten unsere Hunde dabei nicht gefährden.
Genau das bedeutet für mich Verantwortung. Verantwortung zeigt sich nicht erst im Einsatz. Verantwortung zeigt sich in jeder einzelnen Entscheidung, die wir für unsere Hunde treffen. Manchmal bedeutet sie, früher aufzustehen. Manchmal bedeutet sie, ein Training zu verschieben. Und manchmal bedeutet sie auch, einen Einsatz nicht anzunehmen.
Unsere Hunde würden für uns bis an ihre Grenzen gehen. Genau deshalb ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie es nicht müssen.
Folge dem Kanal Mantrailing, Hundenase und mehr auf WhatsApp: https://whatsapp.com/channel/0029Va8XrDXGZNCjxLRYn908
—————————
Ich freue mich auf einen sachlichen Austausch. Denn am Ende verfolgen wir alle dasselbe Ziel: Menschen zu helfen, ohne dabei unsere Hunde zu verlieren.
Mich interessiert Eure Meinung:
Wo endet für Euch Einsatzbereitschaft – und wo beginnt die Verantwortung gegenüber dem eigenen Hund?